Mehr als Seide in Kaschmir

Mehr als Seide in Kaschmir

Großprojekt Himalaya

STAHL CraneSystems unterstützt Großprojekt im Himalaya

27.01.2018 Presse

„Wenn es ein Paradies auf Erden gibt, ist es hier“, so habe bereits vor vier Jahr­hunderten der Mogul­herrscher Jahangir die Land­schaft des nord­indischen Bundes­staats Jammu und Kaschmir beschrieben. Am Fuße des Gebirgs­massivs des Himalayas gelegen, finden sich in der Region auf geringem Raum eine große Viel­zahl an unter­schiedlichen Klima­zonen: von gemäßigten über mediterran-subtropische bis zu hoch­alpinen Bedingungen. Die Diversität des Klimas und der Boden­beschaffenheit bilden die Lebens­grundlage für verschiedenste Pflanzen- und Tier­arten. Die idyllische Natur lockt jährlich viele Wanderer an und selbst Filme­macher aus Bollywood suchen die schöne Kulisse auf.
Um dem Komfort und den Ansprüchen der Gäste zu genügen, wird in Indien investiert. Eines der entstehenden Projekte ist das Wasser­kraftwerk von Kishanganga, das nahe der pakistanisch-indischen Grenze in der Nähe des Ortes Bandipora errichtet wurde. Es ist Teil eines großen Wasser­kraftwerk-Programms, das der staatlich indische Energie­versorger NHPC Ltd. (vormals National Hydroelectric Power Corporation) durchführt. Unterstützt wird NHPC Ltd. von den deutschen Ingenieurs­firmen DSD NOELL GmbH und STAHL CraneSystems sowie dem indischen Tiefbau­unternehmen Hindustan Construction Company.

Das Wasser­kraftwerk von Kishanganga ist auf über 2.400 Metern über dem Meeres­spiegel errichtet. In diesen Höhen herrschen von November bis Mai eisige Temperaturen. In den Sommer­monaten machen Erd­rutsche die Region schwer zugänglich. Nicht zuletzt deshalb suchte sich der Auftrag­geber NHPC Ltd. starke Partner, die eine frist­gerechte und zuverlässige Ausführung der Arbeiten garantieren konnten. DSD NOELL GmbH aus Würzburg und STAHL CraneSystems aus Künzelsau waren den hohen Anforderungen gewachsen.

Um den dauer­haften Antrieb der Turbinen­generatoren des Wasser­kraftwerks Kishanganga zu ermöglichen, die insgesamt 330 Megawatt Strom erzeugen sollen, muss der kontinuierliche Wasser­durchfluss gewähr­leistet sein. Dieser sollte durch eine Anstauung des Kishanganga Flusses sicher­gestellt werden. Als Spezialist im Bereich Stahl­wasserbau­ausrüstungen in Wasser­straßen, Wehr­anlagen und Wasser­kraft­anlagen plante und errichtete DSD NOELL GmbH das 37 m hohe Stau­wehr. STAHL CraneSystems, der Kran­technik-Spezialist mit dem welt­weit größten Sortiment an hoch­wertiger Hebe­technik, entwickelte und lieferte das Wind­werk, das die Wasser­schleuse mit einem Gesamt­gewicht von 100 t ablassen konnte.

Die Anforderungen an das Hebe­zeug waren hoch, da es zuverlässig bei den widrigen Umwelt­bedingungen in der Bergregion funktionieren musste. Am Stammsitz von STAHL CraneSystems im hohen­lohischen Künzelsau begann man bereits 2009 mit der ersten planerischen Konzeption der Sonder­lösung: Einer stationären Winde SHW 8 mit 2 x 60.000 kg Trag­last bestehend aus zwei Seil­trommeln und einem Getriebe. Zur gleich­mäßigen Verteilung des Gewichts wurde das Hebe­zeug mit einer Einscherung von 2 x 12/2-1 versehen und die Trommel in der Länge L4 gefertigt. Die erreichte Hub­höhe betrug nach Fertig­stellung 21,5 m bei 2 x 150 m Seil­länge. Durch die zwei­fache symmetrische Anordnung der Einscherungen konnte ein absoluter Synchron­lauf der beiden Last­haken realisiert werden. Die Gesamt­länge des Wind­werks beläuft sich auf fast 9 m.
Die Seil­trommeln sind mit speziellen Kupplungen an das Getriebe angeflanscht, wodurch alle Toleranzen beispielsweise zwischen Maschine und Stahlbau kompensiert werden. Der Getriebe­motor ist aufgrund der bauseitigen Gegeben­heiten senkrecht angeordnet. Durch diesen unüblichen Aufbau ist der Hub­motor über einer der beiden Seil­trommeln montiert.

Damit das Absenken der Schleuse sicher abläuft, führten die Ingenieure von STAHL CraneSystems die Seile mit 7-facher Sicherheit aus. Zudem planten sie im Wind­werk eine zweite Bremse als Sicher­heits­bremse ein, die direkt an das Getriebe angeflanscht wurde. Das Hub­werk wurde mit einer Überlast­abschaltung für jeden der beiden Last­haken ausgestattet und das Aufsetzen der Last durch eine Schlaff­seil­abschaltung für jeden Haken separat realisiert. Beide aktuellen Haken­positionen sind als Option auf einer Anzeige an der Schalt­schrank­türe ablesbar. Zusätzlich werden die Motor­ströme des Hub­motors auf Amperemetern angezeigt. Durch Motor­schutz­schalter ist dieser Hub­motor zusätzlich abgesichert.

Ausgelegt ist das Hebe­zeug entsprechend seines Einsatz­ortes für eine Umgebungs­temperatur zwischen –25 °C und +40 °C. Robuste polum­schaltbare Technik mit weiten Toleranz­feldern ermöglicht den Betrieb auch bei instabiler Netz­spannungs­versorgung. In den Hub­motor wurde eine Fremd­belüftung mit einer Nach­lauf­steuerung eingebaut, die einen 15-minütigen Dauer­einsatz der Hebe­technik mit einer anschließenden Abkühl­pause gewähr­leistet. Die Sonder­lackierung des Wind­werks mit einem 270 µm dicken Deck­anstrich aus Polyurethan macht es witterungs­fest. Aufgrund der Luft­feuchtig­keit stattete STAHL CraneSystems den Geräte­kasten und den Hub­motor des individuellen Hebe­zeugs zudem mit einer Heizung aus. Eine Hub­werks­bremse mit eingebauter Brems­belüftung senkt im Falle eines Strom­ausfalls die Last mit Pausen. Das Last­gewicht wird kontinuierlich mit dem Multi-Controller SMC über analoge Mess­sensoren ermittelt. Bei Über­last wird die Hub­bewegung sofort abgeschaltet. Außerdem können mit dem Multi-Controller weitere Daten wie beispiels­weise das Last­kollektiv, die Betriebs­stunden, die Volllast­betriebs­stunden sowie die Motor­schaltungen erfasst werden und mit Hilfe eines PCs ausgelesen werden.

Ende September 2011 wurde bei einem Test­aufbau beim zertifizierten STAHL CraneSystems Partner Haslinger GmbH Metallbau + Krantechnik die Funktions­tüchtigkeit des Wind­werks unter Beweis gestellt. Mit dem „Partner of“-Konzept verfolgt STAHL CraneSystems seit 2009 erfolgreich die Strategie, Kran­bau und Kran­technik voneinander zu trennen. So übernehmen kompetente Kran­bauer die Planung und die Produktion der Krananlage, während sich STAHL CraneSystems auf die Entwicklung und die Produktion von Hebe­zeugen und Kran­technik auf welt­weitem Spitzen­niveau spezialisiert. Haslinger GmbH Metallbau + Kran­technik, einer der wichtigsten Partner von STAHL CraneSystems in Deutschland, hatte für den Auftrag im Himalaya das Stahl­portal inklusive der Steig­leitern, der Begehung, der Rahmen­konstruktion für das Wind­werk sowie die Umhausung der Hebe­technik gefertigt.
Nach erfolgreichem Durch­lauf aller Tests wurde die Hebe­technik mitsamt der Kran­anlage in den über fünfeinhalb Tausend Kilometer entfernten Einsatzort geliefert.

Am Kishanganga Fluss waren die Bau­arbeiten in dieser Zeit fast fertig gestellt worden: Im Herbst 2016 wurde das Stau­wehr errichtet, das einen Teil des Flusses in ein neu gefertigtes Fluss­bett leitet. Das verbleibende Wasser dient der kontinuierlichen Versorgung des Wasser­kraft­werks. Durch einen 24 Kilometer langen Tunnel wird es aus dem Reservoir zunächst in einem Ausgleichs­becken gesammelt, bevor es in das unterirdische Kraft­werk mit drei Pelton Turbinen geleitet wird. Jede der Turbinen erzeugt eine Leistung von 110 Megawatt.

Die Inbetrieb­nahme der Kran­anlage wurde durch den STAHL CraneSystems Werks­kunden­dienst vor Ort vorgenommen. Da die Pässe im Himalaya nur wenige Sommer­wochen passierbar sind, musste die Lieferung in einem eng definierten Zeit­fenster erfolgen. Mitte Juli 2017 war es endlich so weit: Die Wasser­schleuse wurde mithilfe der Spezial­winde abgesenkt. Seither füllt sich das Reservoir von Tag zu Tag. Bereits Mitte August war das Mindestwasserlevel des Stausees (Minimum Draw Down Level [MDDL]) erreicht. 2018 kann das Wasser­kraft­werk von Kishanganga vorrausichtlich in Betrieb genommen werden.

Trotz Verzögerungen aufgrund des unwegsamen Geländes sowie aufgrund von Unruhen an der nahe­gelegenen Grenze zu Pakistan zeigten sich alle beteiligten Unternehmen und der Auftrag­geber NHPC Ltd. zufrieden mit dem Fortgang des Groß­projekts, das einen weiteren Schritt zur Entwicklung der Region Jammu und Kashmir beiträgt.

Bilder

Testaufbau der Spezial­winde SHW 8 von STAHL CraneSystems: Der Getriebe­motor wurde senkrecht angeordnet, der Hub­motor ist über einer der beiden Seil­trommeln montiert.
Ankunft der weit gereisten Kran­anlage im Himalaya auf 2.400 m NN.
Mit vereinten Kräften wird die Hebe­technik vom STAHL CraneSystems Werks­kunden­dienst und dem Montage­personal von DSD NOELL in Betrieb genommen.
Gestern Bau­stelle heute Stausee – die Arbeiten am Kischanganga Fluss im Himalaya.
Die schützende Um­hausung der Hebe­technik von STAHL CraneSystems wurde vom zertifizierten Partner Haslinger GmbH Metallbau + Krantechnik hergestellt.
Blick auf die Fluss­umleitung und die Hebe­technik von STAHL CraneSystems.
Der Stausee im August 2017: innerhalb eines Monats stieg der Wasser­pegel bis zum Minimum Draw Down Level (MDDL).